Mein Leben wurde von der Zeit regiert.

    Die Leute stellten ihre Uhr nach dem Startgeräusch meines Autos. Das galt für die Kollegen im Büro ebenso wie für die Nachbarn zu Hause.

    Ich war zutiefst überzeugt, dass die Arbeit im Büro in den dafür vorgesehen Stunden erledigt werden müsse. Daher kehrte ich immer zu genau derselben Zeit aus dem Büro zurück.

    Auch wenn die vierte Ampel jeden Tag für mich Rot zeigen musste.

    Und sie zeigte Rot. Auch heute.

    Gewohnheitsmäßig wende ich meinen Kopf aus Ungeduld nach rechts, dann nach links. So tat ich es auch jetzt. Und dann die Überraschung! Auch heute standest du da! In einer mit delikaten Blumen übersäten Sari. Mit einer Handtasche, die vorne herabhing und zwischen beiden Händen schaukelte, und deiner Uhr mit dem schwarzen Armband.

    Wie ein Windhauch flüsterte es in meinen Ohren: Sie steht also vielleicht täglich um diese Zeit hier! Eilig glitt mein Blick an dir hoch: ein mit einer Kette geschmückter schlanker, beweglicher Hals, ein von meinem Blick nichts ahnendes Gesicht. (Dieses Nichtsahnende ließ mich noch sorgloser werden.) Genau zwischen den Augenbrauen eine sorgfältig angebrachte, samtene Bindi. Und an der Seite des Haarknotens war gerade eine dort steckende Jasminblüte zu sehen, als...

    Die Ampel sprang auf Grün.

    Ich bemerkte, dass ich vor mich hin summte, als ich auf das Gaspedal trat. Nach langer Zeit kam mir meine nicht sehr schöne Stimme melodiös, wenn auch etwas zittrig vor. Beim Fahren hob ich den rechten Fuß ein wenig an und suchte in meiner Hosentasche nach einem Zettel. Rohini hatte mir eine Liste ihrer aufgebrauchten Medikamente mitgegeben. Dabei hatte sie gesagt, dass es gut wäre, wenn ich sie in der Apotheke an Kreuzung besorgen würde.

    Deshalb ging ich jetzt in dieses Geschäft.

    Nach dem Einkauf der Medikamente nahm ich bei der Gärtnersfrau, die mit ihrem Korb gleich nebenan saß, auch noch eine Blumenkette mit. Ich überlegte gerade, wie Rohini wohl darauf reagieren würde, als du an der Bushaltestelle plötzlich auf die Jasminblüte in deinem Haar zeigtest und leise zu lachen anfingst.

    Du? Wie konntest du?

    Der „Alte“ sagte lachend zu dem „jungen Mann“: „Weil dein Verhalten zum Lachen ist!“

    In meinem Körper mit dem beschämten Gesicht breitete sich überall der Duft der über deine Sari verstreuten delikaten Blüten und des in deinem Haarknoten steckenden Jasmins aus.

    „Verflixter Schlingel...!“

    Der „Alte“ schaute lächelnd zu dem „Jungen“ hinüber.

    Der „Junge“ schaute lächelnd zu dir hinüber.

    Du zu mir.

    Oh! Auch heute war ich ganz schnell zu Hause.

    (Obwohl ich unterwegs die Medikamente und die Blumenkette für Rohini gekauft hatte.)

    Kein Ärger über den dichten Verkehr, keine Nervosität wegen roter Ampeln.

    Voller Energie eilte ich die Treppe hinauf. Mit Schwung steckte ich den Schlüssel ins Schloss, öffnete die Tür und ließ sie mit einem Knall wieder zufallen.

    Vor mir stand Rohini.

    Im Vergleich zur vergangenen Woche sah sie fröhlich aus. Über die Blumenkette freute sie sich wie ein Kind. Dieses Lachen war nicht traurig und glanzlos wie in der vorigen Woche. Es war voller Lebensfreude. Ich bemerkte, dass auch Rohini vor sich hin summte. Nicht in falschen Tönen wie ich, sondern mit einer wirklich schönen Stimme.

    Dabei hatte sich Rohini in den vorangegangenen Tagen, seit die Diagnose „Schlaganfall“ sich bestätigt hatte, in einem Schockzustand befunden, der mit angstvoller Verzweiflung einher ging.

    Ehe die Untersuchungsergebnisse eintrafen, hatte sie noch ein wenig Hoffnung gehabt, dass die Ärzte sich geirrt haben könnten. Dass es statt eines Schlaganfalls vielleicht nur ein Magenproblem gewesen sein könnte. Doch seit die Untersuchungsergebnisse bestätigt hatten, dass der Verdacht richtig gewesen war, hatte sie weder aus vollem Herzen gelacht noch hemmungslos geweint. Immer nur angstvolle Niedergeschlagenheit!

    Deshalb hatte es ihr vielleicht besonders Mut gemacht, dass ich mit so fröhlichen Schritten aus dem Büro nach Hause gekommen war.

    Und von nun an lief es täglich so ab.

    Der Tritt auf die Bremse, wenn die Ampel rot wurde. Der tägliche Blick nach links zur Bushaltestelle, wo du immer in derselben Haltung standest. Und nur wenige Sekunden später, wenn die Ampel grün wurde, der Tritt auf’s Gas und das Davonsausen. Und dabei der Gedanke, dass heute die Farbe deiner Sari zwischen Pastellgelb und Pastellgrün gelegen hatte, eine Art Pistaziengrün. Hatte diese dir besser gestanden, oder die gestrige purpurfarbene?

    Plötzlich kam mir der Gedanke: Welche Sari hatte eigentlich Rohini heute morgen getragen?

    Ich konnte mich überhaupt nicht erinnern.

    Auch nicht an die Sari von gestern abend. Ich geriet in Panik.

    Sofort blickte ich mich um. Es hatte doch niemand meinen Zustand bemerkt?

    Alles, was ich hatte, gehörte früher mir allein und dann Rohini und mir gemeinsam. Doch jetzt bin ich nicht allein, auch wenn Rohini nicht da ist. Wer weiß, von woher du plötzlich auf der Bildfläche erscheinst! Hast du einen Tunnel gegraben? Aber dieser Tunnel reicht nur bis zur Bushaltestelle; danach ist er sofort wieder zu Ende.

    Denn dein Platz ist ja genau festgelegt. Du hast nur an der vierten Kreuzung an der Haltestelle zu stehen, sobald ich ankomme und die Ampel auf Rot schaltet.

Übersetzung: Indu Prakash und Heidemarie Pandey