Vortrag am 31.10.2006 im „Frauensalon“ Eschborn-Niederhöchstadt

  • Frauen und Literatur in Indien heute


    Eine Warnung vorab


    Vorträge über Indien beginnen häufig mit dem Warnhinweis, dass Größe und Vielfalt des Landes allgemeine Aussagen praktisch unmöglich machen. Das ist eine sinnvolle und für die Referentin bzw. den Referenten äußerst praktische Gepflogenheit, stellt sie doch alles, was sie oder er gleich sagen wird, unter Relativitätsvorbehalt. Einen Vortrag zu halten, ohne etwas auszusagen, ist schließlich unmöglich. Sollte sich aber herausstellen, dass das Gegenteil (auch) zutrifft, so kann man sich stets auf die Vorabwarnung berufen und auf diese Weise den Kopf aus der Schlinge ziehen.

    Deshalb möchte auch ich mich an diese Gepflogenheit halten und mit einigen Informationen über die Größe und Vielfalt Indiens beginnen. Dies hat zudem den Vorteil, ohne weitere Erklärungen Verständnis für die Beschränkungen zu wecken, die ich mir notgedrungen auferlegen muss. Eine wichtige Beschränkung wird z.B. sein, dass ich mich auf die von Frauen verfasste indische Literatur konzentrieren werde. Selbstverständlich finden Entwicklungen wie die Veränderung des Frauenbildes oder der sozio-ökonomischen Situation der Frauen auch in Büchern ihren Niederschlag, die von Männern verfasst wurden. Aber das muss heute ausgeklammert bleiben, zumal das vermehrte Auftreten weiblicher Autoren selbst eine wichtige Entwicklung in der indischen Literatur und Gesellschaft darstellt.


    1. Größe und Vielfalt Indiens

    Der Größe und Vielfalt Indiens wird man am ehesten gerecht, wenn man es nicht mit einem einzelnen europäischen Land – z.B. Deutschland -, sondern mit Europa als Ganzem vergleicht. In der Tat ist Indien ungefähr so groß wie Europa ohne den europäischen Teil der ehemaligen Sowjetunion. Es hat eine maximale Nord-Süd-Ausdehnung von rund 3.200 km und eine maximale Ost-West-Ausdehnung von 2.900 km. Seine Gesamtfläche beträgt mehr als 3.2 Millionen Quadratkilometer.

    Indien ist ein demokratisch verfasster Bundesstaat mit 28 Bundesländern und sieben Unions-Territorien. Es hat über eine Milliarde Einwohner, die vielen unterschiedlichen Ethnien angehören. Auch hinsichtlich der Religionszugehörigkeit ist die Bevölkerung heterogen. Zwar gehören 82 Prozent dem Hinduismus an, der in sich vielgestaltig ist, aber alle großen Weltreligionen sind in Indien vertreten. Die größte Minderheit sind die Muslime mit 12,1 Prozent.

    In Indien gibt es einige der größten Megastädte der Welt - Mumbai, Delhi, Kolkata – mit mehr als 12 bis fast 20 Millionen Einwohnern. Aber über zwei Drittel aller Inder leben auf dem Lande, manche unter ähnlichen Verhältnissen wie vor Jahrhunderten. Es gibt extrem reiche Inder und solche, die in tiefer Armut leben. Etwa ein Viertel der Bevölkerung muss mit umgerechnet weniger als einem US-Dollar täglich auskommen.

    Die Angaben über die Zahl der indischen Sprachen variieren sehr stark und schwanken zwischen 18 und rund 1200, je nachdem wo die Grenze zwischen Sprache und Dialekt gezogen wird. Nationale bzw. offizielle Sprachen sind: Assamisch, Bengali, Bodo, Dogri, Englisch, Gujarati, Hindi, Kannada, Kashmiri, Konkani, Maithili, Malayalam, Meitei (Manipuri), Marathi, Nepali, Oriya, Punjabi, Sanskrit, Santali, Sindhi, Tamil, Telugu und Urdu. Hindi wird von etwa der Hälfte der Bevölkerung gesprochen, wenn auch nicht immer als Muttersprache. Es ist ebenso wie Englisch gesamtindische Amtssprache.

    Die indischen Sprachen gehören unterschiedlichen Sprachfamilien an: Im Norden sind die indoeuropäischen, im Süden die drawidischen und im Nordosten die sino-tibetischen Sprachen angesiedelt. Viele der indischen Sprachen verfügen über ihre eigene Schrift. Die Sprachenvielfalt ist also noch größer als in Europa. In vielen dieser Sprachen, auch den offiziell nicht anerkannten, gibt es eine umfangreiche Literatur. Über diese Literaturen ist in der westlichen Welt ungeachtet der gegenwärtigen Indien-„Welle“ wenig bekannt. Die meisten Autorinnen und Autoren, die es hier zu Ruhm und Ansehen brachten, schreiben in Englisch und leben nicht in Indien, sondern in den USA, Kanada oder Großbritannien. Das ändert nichts an der Bedeutung der einheimischen Sprachen für die indische Literatur. In den Worten des Schriftstellers Amit Chaudhuri: „Generell ist die indische Literaturlandschaft ohne die Multilingualität nicht vorstellbar.“ (Interview mit der Deutschen Welle am 3.10.2006.


    2. Die Situation der indischen Frauen einst und jetzt

    Es ist klar, dass unter den beschriebenen sehr unterschiedlichen Verhältnissen auch die Situation der Frauen unterschiedlich ist.

    "Genauso vielschichtig, wie die Realität in allen indischen Lebensbereichen ist auch die Situation der indischen Frau, die von selbstverständlicher Autorität zu totaler Unterwürfigkeit, von höchstem Selbstbewusstsein zu trauriger Selbstverleugnung, von der verfassungsmäßigen Garantie absoluter Gleichberechtigung zu einer Realität reichen, in der ein ständiger Kampf um die verfassungsmäßigen Rechte geführt werden muss."
    (Zitat von Rami Chhabra, indische Schriftstellerin und freischaffende Journalistin)

    „Mögest Du Mutter von 100 Söhnen werden!“ Dieser alte Segenswunsch mag für moderne Frauen – auch in Indien – eher wie ein Fluch klingen. Den Wert und das Glück einer Frau im Gebären von Söhnen zu sehen, ist aus der Sicht einer an Gleichberechtigung und Chancengleichheit orientierten Gesellschaft unannehmbar. Nur: Die traditionelle indische Gesellschaft war und ist nicht an Gleichberechtigung und Chancengleichheit orientiert. Sie bindet ihre Mitglieder – Männer wie Frauen – vielmehr in eine hierarchische Ordnung, in der jede und jeder eine genau festgelegte Rolle und seinem bzw. ihrem Status entsprechende Pflichten hat. Ungeachtet ihres religiösen und kulturspezifischen Hintergrunds weist diese Ordnung Parallelen zu anderen patriarchalischen Gesellschaften auf, die es in vielen Teilen der Welt gibt oder bis vor gar nicht langer Zeit gegeben hat.

    In Indien existiert beides nebeneinander, miteinander und gegeneinander: die hierarchischen Strukturen, denen der größere Teil der Bevölkerung nach wie vor fest verhaftet ist, und die Dynamik einer auf Gleichheit drängenden modernen Gesellschaft. Daraus ergeben sich unzählige Überschneidungen, Überlagerungen, Konfliktfelder und Widersprüche, die gerade das Leben der Frauen entscheidend mitbestimmen.

    Der naive Glaube, deren Los werde sich durch allgemeinen Fortschritt und die Hebung des Bildungsniveaus ganz von selbst bessern, hat sich längst als falsch erwiesen. Das Gegenteil scheint manchmal zuzutreffen. Als besonders prekär erweist sich die Lage der Frauen immer wieder an den Schnittstellen von Tradition und Moderne, wo alte Werte und Verhaltensnormen ihre bindende Kraft verlieren und die traditionell bestehende Ungleichheit umso zügelloser ausgenutzt und ausgebeutet werden kann.

    Ein Beispiel dafür ist das Abtreiben weiblicher Föten. Das Geschlechterverhältnis hat sich in den vergangenen Jahren so ungünstig entwickelt, dass im ganzen Land auf zehn Männer nur noch neun Frauen kommen. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert fehlten dem Land 35 Millionen Frauen (Zensus 2001). Dies wurde erst möglich durch die moderne Technik der Geschlechtsbestimmung im Mutterleib, mit der der traditionelle Wunsch nach einem Sohn rigoros in die Wirklichkeit umgesetzt werden kann. Zwar ist dies per Gesetz verboten, doch gibt es - wie auch bei anderen Gleichberechtigungsgesetzen – viele Wege, das Verbot zu umgehen.

    Die populäre Annahme, Armut würde dazu beitragen, Jungen gegenüber Mädchen vorzuziehen, ist laut Statistik nicht zutreffend. Laut UNICEF ist in den oberen 20 Prozent der Gesellschaft das Verhältnis noch ungünstiger in den unteren 20-Prozent. Auch das oft gehörte Argument, auf dem Land würden mehr Mädchen abgetrieben als in den Städten, stimmt nicht. Ausgerechnet Süd-Delhi, der wohlhabendste Teil der Hauptstadt, wartet mit einer der ungünstigsten Statistiken im ganzen Land auf.

    Die berüchtigten „Mitgiftmorde“ sind ebenfalls eher eine Ausgeburt der modernen Konsumgesellschaft als der traditionellen indischen Wertvorstellungen.

    Auf der anderen Seite haben sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem den Frauen der wachsenden Mittelschicht neue Chancen eröffnet. Dazu haben der Unabhängigkeitskampf, an dem Frauen maßgeblich beteiligt waren, die Verbesserung der Bildungschancen für Mädchen, eine äußerst aktive Frauenbewegung und in jüngster Zeit auch die Modernisierung und das Wachstum der Wirtschaft beigetragen. Frauen sind heute in vielen qualifizierten Tätigkeiten als Ministerinnen, Richterinnen, Ärztinnen (40.000), Lehrerinnen (600.000), gut ausgebildete Wissenschaftlerinnen (15.000), aber auch z.B. in der modernen Software-Industrie und den Callcentern vertreten. Dass Frauen seit ca. 40 Jahren zunehmend als Schriftstellerinnen in Erscheinung treten, muss im Kontext
    dieser Entwicklung gesehen werden.

    3. Frauen als Autorinnen

    3.1. Mündlich überlieferte Literatur

    Frauen schienen lange Zeit in der indischen Literatur eher Ausnahme-Erscheinungen zu sein. In der „Tageszeitung Junge Welt“ vom 4. 10.2006 schreibt die junge bengalische Lyrikerin Mandakranta Sen unter dem Titel „Poesie und Warenwelt“:

    „Lassen Sie mich zur Darstellung der Frauenliteratur noch einmal einen Schritt in der indischen Geschichte zurückgehen. In der frühen vedischen Ära wurde es den arischen Frauen von der patriarchalen Gesellschaft »erlaubt«, ihre eigene Karriere auf den Gebieten der Bildung und der Literatur zu verfolgen. In dieser Periode traten viele indische Frauen als berühmte Intellektuelle hervor. Nach dieser Phase verschlechterte sich die Situation der Inderinnen, und nicht nur ihre Bildung, auch ihre nackte Existenz in nahezu allen Bereichen des Lebens verlor sich für lange Zeit im Dunkeln. Ich kann dieses Thema hier nicht vertiefen, weil es ja um heutige indische Literatur gehen soll, deshalb möchte ich nur anführen, dass sich die indischen Frauen innerhalb unserer Literaturszene erst im vergangenen Jahrhundert wieder befreien konnten.“

    Sie vergisst dabei allerdings die mündlich überlieferte Literatur, die in jener Zeit der „Dunkelheit“ gerade von Frauen geschaffen und tradiert wurde.

    Mündliche literarische Überlieferung hat in Indien eine große Tradition. Die ältesten Texte, die Vedas, wurden wahrscheinlich ab dem zweiten Jahrtausend vor Christus zunächst mündlich weiter gegeben und erst nach Jahrhunderten schriftlich festgehalten. Diese religiös-philosphische Literatur wurde in vedischem Sanskrit verfasst, aus dem sich das klassische Sanskrit entwickelte. Die bekanntesten Werke in klassischem Sanskrit sind die großen Epen Mahabharata und Ramayana. Auch sie wurden zunächst mündlich überliefert. Ein großer Sanskrit Dichter war z.B. Kalidasa (5. Jhdt. n. Chr.). Sein Drama „Shakuntala“ hinterließ einen tiefen Eindruck auf Goethe und inspirierte ihn zu seiner eigenen Dichtung „Schankuntala“. Ab dem 11. Jahrhundert wurde Sanskrit als Literatursprache allmählich von den neueren indischen Sprachen abgelöst.

    Obwohl Frauen die Veden schon lange vorher nicht mehr studieren durften, waren sie die Hüterinnen der Tradition. Sie erzählten mythologische Geschichten und Märchen, sangen Volkslieder, entwickelten diese Literatur weiter. Es waren Gemeinschaftswerke, die so von einer Generation an die nächste „vererbt“ wurden. Ein Beispiel für eine solche mündlich überlieferte Literatur sind die Fastenmärchen der Frauen von Awadh, die von meinem Mann Indu Prakash Pandey gesammelt und von uns beiden aus dem Hindi ins Deutsche übersetzt wurden. Aus dieser Sammlung möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte vorlesen.

    (Geschichte „Wie man die Liebe eines Mannes gewinnt“)


    3.2. Literarische Pionierinnen nach der Unabhängigkeit

    Wir machen nun einen großen Sprung von den Frauen auf dem Lande zu den Städterinnen, die nach der indischen Unabhängigkeit die moderne indische Literatur mitgestaltet haben.

    Bis in die Siebziger Jahre hinein waren es nur wenige Frauen, die sich in diesem Bereich einen Namen machen konnten. Eine von ihnen ist im vergangenen Jahr in hohem Alter gestorben: Amrita Pritam. Geboren 1919 in Gujranwala im heutigen Pakistan, war sie das einzige Kind eines Lehrers und einer Dichterin, die schon früh starb. Bereits mit 16 Jahren veröffentlichte Amrita Pritam ihr erstes Buch. Im selben Jahr wurde sie, der Sitte gemäß, verheiratet. 1947, nach der Unabhängigkeit und gleichzeitigen Teilung Indiens, zog sie nach New Delhi. Von nun an schrieb sie in Hindi statt in Punjabi, ihrer Muttersprache. Sie arbeitete bis 1961 bei All India Radio, dem indischen Rundfunk. 1960 wurde sie geschieden. Danach nahm sie in ihren Werken expliziter für die Frauenemanzipation Stellung. Die Erfahrung ihrer unglücklichen Ehe schlug sich in vielen ihrer Kurzgeschichten und Gedichte nieder. Mehrere ihrer Bücher sind ins Englische übersetzt worden, darunter ihre autobiographischen Werke Black Rose und Revenue Stamp.
    Ähnlich wie Amrita Pritam von der Teilung Indiens betroffen war auch Mahasweta Devi - heute die „große alte Dame der indischen Literatur“, die bei der Eröffnung der diesjährigen Buchmesse die Gastland-Rede hielt. Sie lebt in Kalkutta, wurde 1926 jedoch in Dacca in Ostbengalen geboren, das nach der Teilung des Subkontinents zuerst Ostpakistan und später Bangladesh wurde. Wie Amrita Pritam stammt auch Mahasweta Devi aus einer Schriftsteller-Familie. Auch sie musste als junge Frau ihre Heimat verlassen und ging nach Indien, nach Westbengalen. Amrita Pritam und Mahasweta Devi sind beide rebellische und unkonventionelle Persönlichkeiten. Doch Mahasweta Devi engagierte sich schon bald für Arme und Unterprivilegierte und ist ihr Leben lang nicht nur Schriftstellerin, sondern auch soziale und politische Aktivistin geblieben. Ihr erstes Buch „Jhansir Rani“ („Die Königin von Jhansi“) erschien 1956. In den vergangenen 40 Jahren veröffentlichte Mahasweta Devi 20 Anthologien mit Kurzgeschichten und mehr als 100 Romane. Von letzteren sind vor allem „Hajar Churashir Ma“ (Mutter von 1084) und „Aranyer Adhikar“ (Aufstand im Munda-Land) bekannt geworden.
    Mahasweta Devi, die in Bengali schreibt, ist u.a. mit einem der wichtigsten Literaturpreise Indiens, dem Jnanpith Award, ausgezeichnet worden. Sie erhielt auch den Magsaysay Award, der in Asien einen ähnlichen Stellenwert hat wie der Friedensnobelpreis. Die mit beiden Preisen verbundenen Geldbeträge spendete sie für die Belange der Adivasis, der Ureinwohner-Stämme in Indien.
    Als dritten Namen möchte ich hier den von Kamala Markandaya nennen, einer aus Südindien stammenden, in Englisch schreibenden Autorin, die 1924 geboren wurde und im Frühjahr 2004 in der Nähe von London starb. Markandaya begründete in vielerlei Hinsicht den Typus der heutigen in Englisch schreibenden indischen Autorinnen und Autoren: Sie ließ sich bereits als junge Frau in England nieder und wurde in der westlichen, vor allem der angelsächsischen, Welt als eine führende Vertreterin indischer Literatur anerkannt. Shashi Tharoor, in den USA lebender Autor und einer der Prominenten bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, hat ihre Wirkung mit den Worten beschrieben: „Markandaya war eine Pionierin, die uns in Englisch schreibende Inder alle beeinflusst hat.“ Berühmt wurden vor allem ihre Romane „Nectar In A Sieve“ (1954), in Deutsch: “Nektar in einem Sieb”(in diesem Jahr vom Unionsverlag neu aufgelegt), für das ihr 1990 in Frankfurt der „Liberaturpreis“ verliehen wurde, und „A Handful of Rice“ (1966), in Deutsch: “Eine Handvoll Reis”.


    Exkurs: Englisch und die indischen Sprachen

    Angesichts der großen Sprachenvielfalt in Indien (s.o.) kann es nicht wundern, dass es auch Sprach-Spannungen gibt. Literarisch betrachtet, verläuft der tiefste Graben zwischen Englisch auf der einen und den einheimischen Sprachen auf der anderen Seite. Um dies verständlich zu machen, ist es notwendig, einen kurzen Blick auf die Rolle des Englischen in Vergangenheit und Gegenwart zu werfen.

    Englisch war die Sprache der britischen Kolonialherren, die Indien 200 Jahre lang regierten. Als Indien 1947 seine Unabhängigkeit erlangte, verließen zwar die Engländer das Land, Englisch als Sprache der Elite verschwand jedoch nicht. Der Versuch, es als Amtssprache durch die am stärksten verbreitete indische Sprache, Hindi, zu ersetzen, scheiterte.

    Bis heute schickt jeder, der es sich leisten kann, seine Kinder auf Privatschulen mit Englisch als Unterrichtsmedium. Deshalb ist für viele Inder Englisch ihre Bildungssprache, in der sie sich mehr zu Hause fühlen als in ihrer eigentlichen Muttersprache. Da Ausländer meist mit dieser Bildungsschicht näher in Kontakt kommen, scheint es ihnen oft, als ob alle Inder Englisch beherrschten. Tatsächlich können jedoch nur etwa drei Prozent der Bevölkerung diese Sprache. Auch wenn man davon ausgeht, dass dies besonders gebildete Menschen sind, so lesen doch nicht alle von ihnen belletristische Literatur. Das Lesepublikum in Englisch schreibender Autorinnen und Autoren in Indien ist also begrenzt. Sie haben jedoch den großen Vorteil, sich durch die Sprache einen unmittelbaren Zugang zum Weltmarkt zu eröffnen. Wer einmal in England oder den USA erfolgreich ist, wird schnell auch in andere westliche Sprachen übersetzt.

    Häufig wird den in Englisch schreibenden Schriftstellerinnen und Schriftstellern unterstellt, ihre Literatur „schiele“ regelrecht auf den Weltmarkt und richte sich bewusst oder unbewusst am westlichen Geschmack aus. Das Gegenargument lautet, dass Englisch inzwischen längst auch zu einer einheimischen Sprache geworden sei, die mit demselben Recht wie andere als „indisch“ bezeichnet werden kann.

    Wie immer man zu dieser Diskussion stehen mag: Sicher ist, dass vor allem die Sicht- und Schreibweise der anglophonen indischen Autorinnen und Autoren – und fast nur sie – in Europa und Nordamerika wahrgenommen wird. Dabei haben viele von ihnen ihren Lebensmittelpunkt nicht mehr in Indien. Es ist zu vermuten, dass dadurch ein einseitiges Bild der indischen Literatur entsteht.

    Die in den indischen Sprachen schreibenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller gehören nicht unbedingt einer anderen Schicht an als ihre anglophonen Kollegen. Sie haben sich jedoch häufig bewusst für ihre Muttersprache als Medium entschieden, obwohl viele von ihnen auch in Englisch schreiben könnten.

    Da die größeren indischen Sprachen jeweils von vielen Millionen Menschen gesprochen werden, gibt es theoretisch eine große Lesergemeinde für Literatur in diesen Sprachen. Das trifft in der Praxis jedoch nur eingeschränkt zu, denn zum einen muss eine relativ hohe Analphabetenquote in Betracht gezogen werden, zum anderen ist der Bildungsstand derjenigen, die kein Englisch sprechen, meist geringer und damit auch ihr Interesse an Literatur. Wenn das Interesse aber vorhanden ist, so möchte auch dieses Publikum gerne lesen, was „in“ ist und greift vor allem in jüngster Zeit vermehrt zu Übersetzungen internationaler Bestseller.

    Vor allem sind die in indischen Sprachen schreibenden Autorinnen und Autoren jedoch deshalb im Nachteil, weil ihnen der Zugang zum internationalen Markt versperrt ist. Ihre Chancen, über Indien hinaus bekannt zu werden, sind gering. Zwar sind im Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse zahlreiche Bücher auch aus indischen Sprachen ins Deutsche übersetzt worden, weil solche Übersetzungen vom National Book Trust of India gefördert wurden. Doch solche Gelegenheiten kommen selten, und es bleibt abzuwarten, ob dies längerfristig ein größeres Interesse an der in indischen Sprachen geschriebenen Literatur zur Folge hat.


    3.3 In Englisch schreibende zeitgenössische Autorinnen

    Es sollen nun zunächst einige anglophone indische bzw. indisch-stämmige Autorinnen vorgestellt werden, da ihre Literatur den höheren Bekanntheitsgrad hat. Außer acht bleiben hier die international bekannten männlichen Schriftsteller wie Salman Rushdie, V.S. Naipaul, Vikram Seth, Amitav Ghosh, Pankaj Mishra, Shashi Tharoor und Sudhir Kakar.

    Die Schriftstellerinnen, die ich als beispielhaft für die in Englisch schreibenden zeitigenössischen Autorinnen ausgewählt habe sind Anita Desai, ihre Tochter Kiran Desai, Arundhati Roy, Jhumpa Lahiri und Shobha Dé. Sie alle sind auch ins Deutsche übersetzt worden.

    Anita Desai wurde 1937 in New Delhi geboren, und zwar als Tochter einer Deutschen und eines Inders. Interessanterweise wuchs sie zunächst zweisprachig mit Deutsch und Hindi auf und lernte Englisch, die spätere Sprache ihrer Bücher, erst in der Grundschule. Als Studienfach wählte sie Englische Literatur.

    Anita Desai hat seit den 60er Jahren Kurzgeschichten, Kinderbücher und Romane veröffentlicht, von denen einige auch auf Deutsch erschienen sind, z.B. „Berg im Feuer“(List, München 1986), „Das Dorf am Meer: Eine Familiengeschichte aus Indien“ (Dressler, Hamburg 1987), „Baumgartners Bombay“ (Goldmann, München 1993), „Im hellen Licht des Tages“ (Lübbe, Bergisch-Gladbach 1996), „Reise ins Licht“ (Limes, München 1996) und „Spiele in der Dämmerung“ (Edition Kappa, München 2001).

    Anita Desai ist Mutter von vier Kindern. Ihre Tochter Kiran Desai hat inzwischen selbst als Schriftstellerin Erfolg.

    Kiran Desai, geboren 1971, studierte an der Columbia University und lebt heute abwechselnd in Indien, England und den USA. Ihr erster Roman erschien in Deutschland 1998 unter dem Titel „Der Guru im Guavenbaum“. Ihr zweiter Roman, „The Inheritance of Loss“ ist vor kurzem in London mit dem Booker-Preis ausgezeichnet worden. Die Übersetzung „Erbin des verlorenen Landes“, erschien im August dieses Jahres im Berlin Verlag. Kiran Desai verknüpft in diesem Buch vor der Kulisse des Himalaya die Schicksale ihrer Charaktere mit dem historischen Ereignis eines Gurkha-Aufstandes.

    Arundhati Roy hat sich mit einem einzigen Roman weltweit einen Namen gemacht, für den sie 1997 ebenfalls den Booker-Preis erhielt: „The God of Small Things“ („Der Gott der kleinen Dinge“.) In der Folge nutzte die Schriftstellerin ihre Bekanntheit, um auf ihre politischen Anliegen als Umweltschützerin, Gegnerin der indischen Atombewaffnung und Kritikerin des US-geführten „Krieges gegen den Terror“ aufmerksam zu machen und gegen die Politik von Weltbank und Welthandelsorganisation Stellung zu beziehen. Sie hat seitdem zahlreiche Essays und andere Texte veröffentlicht, die zum Teil auch ins Deutsche übersetzt wurden, soll aber geschworen haben, keinen weiteren Roman zu schreiben. Anfang dieses Jahres lehnte sie den höchst angesehenen Preis der staatlichen indischen Literaturakademie aus politischen Gründen ab.

    Mandakranta Sen schreibt über Arundhati Roy: „Ohne zu übertreiben, kann man sagen, dass Arundhati Roy heute das moralische Gewissen der indischen Nation ist gegen Faschismus, Rassismus, religiösen Fundamentalismus, militärischen und ökonomischen Imperialismus und Kapitalismus – eine Großtat, die nur sehr selten von den sogenannten klassischen Literaten begangen wird.“ Allerdings ist so eine „Stimme des Gewissens“ nicht immer beliebt, und so wird auch Arundhati Roy in ihrem Heimatland wesentlich kritischer gesehen als in der westlichen Welt.

    Jhumpa Lahiri, geboren 1967 als Tochter bengalischer Eltern in London, lebt in New York. Als erstes Buch veröffentlichte sie einen Erzählband, „Melancholie der Ankunft“, für den sie im Jahre 2000 mit dem Pulitzerpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Ihr erster Roman „The Namesake“ ist kürzlich in Deutschland unter dem Titel „Der Namensvetter“ erschienen und erzählt von einem Jungen, der durch eine unglückliche Verkettung von Umständen nicht den für ihn vorgesehenen Namen erhalten kann und stattdessen „Gogol“ genannt wird, was sich unheilvoll auf sein ganzes Leben auswirkt.

    Shobha Dé nimmt eine Sonderstellung unter den anglophonen Schriftstellerinnen ein. Die Bücher der sechsfachen Mutter, ehemals Model und Klatschkolumnistin, werden von manchen als Porno-Thriller bezeichnet. Andere – und vor allem sie selbst – sehen darin einen Beitrag zur sexuellen Befreiung der Frau. In Deutsch ist von ihr kürzlich "Glitzernacht" erschienen, ein Roman, der die indische Traumfabrik „Bollywood“ zum Hintergrund hat (dtv-Taschenbuch).


    3.4 Autorinnen in indischen Sprachen – Beispiel Hindi

    Da es mir nicht möglich ist, einen Überblick über die in mehr als 20 indischen Sprachen erschienene Literatur von Frauen zu geben, möchte ich mich beispielhaft auf die Sprache beschränken, aus der ich selbst übersetzt habe: Hindi.

    In der Hindī-Literatur der vergangenen vier Jahrzehnte treten Frauen in immer größerer Zahl als Autorinnen, insbesondere von Kurzgeschichten und Romanen, in Erscheinung. Der Beginn dieser Entwicklung liegt in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts und fällt mit der Frauendekade der Vereinten Nationen (1975-1985) zusammen. Die Frauenbewegung war zu jener Zeit weltweit aktiv und machte sich dank einer Reihe gebildeter indischer Frauen auch in Indien bemerkbar. In den Siebziger Jahren wurden über 200 Romane von ungefähr 100 Autorinnen in Hindi veröffentlicht. Angeblich haben damals sogar Männer unter Frauennamen geschrieben, um bessere Chancen auf eine Veröffentlichung zu haben.

    Indu Prakash Pandey hat sich ausführlich mit dieser Literatur auseinandergesetzt und das Ergebnis seiner Forschungsarbeit in dem Buch „Romantischer Feminismus in Hindi-Romanen indischer Autorinnen“ (Ostwind-Verlag, Gernsheim 1999) zusammengefasst. Der Begriff „Romantischer Feminismus“ soll dabei aussagen, dass– wie in der abendländischen Romantik und auch der Bewegung des „Chhayavaad“ in Indien –dem Individuum gegenüber gesellschaftlichen Zwängen zu seinem Recht verholfen werden soll: „Gegen Kastenregeln, gegen die von den Eltern arrangierte Heirat und gegen alle Arten familiären Aberglaubens schrieben die Schriftstellerinnen jenes Jahrzehnts an.“

    Zugleich wird mit dem Wort „romantisch“ darauf angespielt, dass in den Büchern die romantische Liebe als befreiendes Element eine zentrale Rolle spielt. Andere Themen kommen praktisch nicht vor. Folgerichtig trägt die Fortsetzung dieser Arbeit, die in diesem Jahr ebenfalls vom Ostwind-Verlag Gernsheim veröffentlicht wurde, den Titel „Jenseits des Romantischen Feminismus“, denn in den vergangenen 20 Jahren haben die Hindi-Autorinnen die gesamte Bandbreite der Themen für sich entdeckt, die in der Gesellschaft und in der Literatur aktuell sind.

    Für solche Diskurse gibt es in Hindi den Ausdruck „vimarsh“. Sie lassen sich wie folgt auflisten:

    1. Nārī vimarś > Feminismus: Kampf um Gleichheit, Autonomie und Selbstbestimmung der Frau in allen Bereichen,
    2. Garībī vimarś > Armut in Dörfern und in den Slums in Bombay, Delhi usw
    3. Dalit vimarś > Unterdrückung der Unberührbaren,
    4. Sāmpradāyiktā vimarś > Hindu-Muslim-Konflikt,
    5. Kaśmīr vimarś > Kaśmīr-Konflikt,
    6. Pravāsi vimarś > Auswanderung von Indern in westliche Länder,
    7. Bhraṣṭāchār vimarś > Korruption in der Medizin, der Politik und im Bildungswesen,
    8. Darśan evam akelāpan > Philosophie und Einsamkeit.

    Der literarische Beitrag der Hindi-Autorinnen zu diesen Themen widerlegt nach den Worten des Schriftstellers Sudhesh, ehemaliger Professor an der Jawaharlal Nehru-Universität in Delhi, den Vorwurf, ihre Literatur sei nur „ein Nachtrag zu den in der Frauenbewegung wurzelnden und von ihr geprägten Werken westlicher Schriftstellerinnen“
    Es ist bezeichnend und wirft ein grelles Licht auf die Vernachlässigung der Hindi-Literatur in Deutschland, dass von den 24 Büchern, die Pandey in der Hindi-Originalausgabe seines Buches besprochen hat, und den 14 Romanen, die in die deutsche Version aufgenommen wurden, nur zwei auch auf Deutsch erschienen sind. Eines davon, „Identität: Gelöscht“ von Meenakshi Puri, wurde vor geraumer Zeit im Ostwind-Verlag veröffentlicht, der ein sehr kleiner Verlag ist. Nur einer dieser von Frauen geschriebenen Hindi-Romane hat es geschafft, in das Sortiment eines namhaften deutschen Verlages aufgenommen zu werden. Es handelt sich um Alka Saraogis „Kali-Katha via Bypass“, in diesem Jahr unter dem Titel „Umweg nach Kalkutta“ im Insel-Verlag erschienen.
    Alka Saraogi wurde 1960 in Kalkutta geboren, ist aber keine Bengalin, sondern stammt aus einer dort ansässigen Marvari-Familie. Die Marvaris sind eine ursprünglich in Marvar in Rajasthan beheimatete Gemeinschaft von Handels- bzw. Geschäftsleuten. Ein Marvari ist auch der Protagonist ihres 1998 erschienenen ersten Romans „Kali-Katha via Bypass“. Bei dem erfolgreichen Geschäftsmann Kishor Babu wird nach einer Bypass-Operation eine Kopfverletzung wieder akut, die er während des indischen Unabhängigkeitskampfes erlitten hatte. Dadurch verändert er sich völlig. Die Vergangenheit wird für ihn wieder lebendig und mit ihr die Geschichte seiner Familie und seines Landes. In der Hindi-Literaturzeitschrift „Kathakram“ hieß es im Jahre 2001 über diesen Roman: „Mit ihrer Darstellung der Geschichte der Entstehung Kalkuttas und des Lebens von sechs Generationen einer Marvari-Familie hat Alka Saraogi nicht nur ein Bild des Privatlebens der Marvaris gezeichnet, sondern auch ein eindrucksvolles Bild der Erlangung der Unabhängigkeit des Landes und des nachfolgenden Niederganges…“.Zwei weitere Romane der Autorin erschienen 2002 („Shesh Kadambari“) und 2004 („Koi baat nahin“).

    Schlussbemerkung
    Indische Autorinnen, in welcher Sprache sie auch schreiben, wehren sich in der Regel dagegen, in die Kategorie „Frauenliteratur“ eingeordnet zu werden. Das hat seinen Grund, den Mandakranta Sen folgendermaßen zusammenfasst: „Nach anfänglich erfolglosem Widerstand lernte die patriarchale Gesellschaft, sich mit diesen Kritikerinnen zu arrangieren, und entschied, die Werke dieser Frauen mit dem Etikett »Literatur von, über und für Frauen« zu versehen und ihr so eine Existenz außerhalb der Domäne der männlichen Mainstream-Literatur zuzugestehen, natürlich nicht ohne den Unterton, dass es sich bei der Frauenliteratur um eine zweitrangige literarische Qualität handele.“
    Die zeitgenössischen indischen Autorinnen ziehen sich diesen Schuh aber schon längst nicht mehr an. Sie haben inzwischen selbstbewusst den ihnen gebührenden Platz in der indischen Literatur eingenommen.