In den Siebziger Jahren setzten fast alle Schriftstellerinnen sich in ihren Werken mit irgendeinem gesellschaftlichen Problem oder Zwang auseinander, der dem Versuch entgegenstand, auf eigenen Füßen zu stehen und einen eigenen Weg zu finden. Diese Auseinandersetzung ist typisch für jenes Jahrzehnt. Gegen Kastenregeln, gegen die von den Eltern arrangierte Heirat und gegen alle Arten familiären Aberglaubens kämpften die Schriftstellerinnen jenes Jahrzehnts an, um ihre persönliche Autonomie zu erreichen. 

In ihren Romanen gehen die Heldinnen im Bemühen, sich von Zwängen zu befreien, häufig selbständig Liebesbeziehungen ein und nehmen ihr Schicksal in die eigenen Hände. Die meisten Autorinnen machten diesen Lebensbereich zum Thema ihrer Romane und schrieben Liebesgeschichten mit glücklichem oder auch unglücklichem Ausgang. Dies war ein weiterer Grund, meinem Buch den Titel „Romantischer Feminismus" zu geben. Obwohl es einige gute Argumente zu meiner Verteidigung gibt, räume ich bereitwillig ein, dass im Wort  „romantisch" die Welt der Träume und Phantasien von Vergangenheit und Zukunft stärker hervor scheint als die konkrete Welt der Gegenwart. Und hier ist mein Gebrauch des Wortes sicherlich ein wenig satirisch. Wenn dies auf Widerspruch stieß, so ist es nicht überraschend.

Heute jedoch sind die Verhältnisse anders. Es sieht so aus, als habe sich durch das Ringen in den 70er Jahren die Situation der Frauen tatsächlich verändert. Heute hat die Frau in der indischen Mittelschicht ein relativ hohes Maß an Autonomie erreicht und hat es nicht mehr nötig, ausschließlich für die eigene Freiheit zu kämpfen. Vielmehr gibt es für sie „noch anderen Schmerz in der Welt als den der Liebe", wie es in einem bekannten Ghazal heißt. Heute wird mit größerer Reife über den „Frauen-Diskurs" geschrieben; eine Reihe theoretischer Bücher ist auch in Hindi erschienen.Doch im Bereich der Belletristik ist die Frauenemanzipation kein herausragendes Thema mehr.

Für diesen Wandel spielte Mannū Bhaṇ̣ḍāris Roman „Mahābhoj" aus dem Jahre 1979 eine wichtige Rolle. Interessanterweise erregte er seinerzeit nicht so viel Aufsehen wie in den Achtziger Jahren, und das wiederum durch die Kontroversen um seine Verfilmung. Auf dem Gebiet der von Frauen geschriebenen Romane markiert dieser Roman einen großen Einschnitt. Danach wandten sich die Autorinnen immer mehr von den Motiven der mit Liebe zusammenhängenden privaten Probleme ab und begannen, sich ihren Stoff in anderen Bereichen des Lebens zu suchen. Um zu zeigen, wie sich durch diesen Themenwechsel in ihrem schriftstellerischen Schaffen eine große Vielfalt zu entfalten begann, habe ich Analysen von vier Romanen der Achtziger Jahre in das vorliegende Buch aufgenommen, in denen es nicht mehr um Liebe und Romanze geht

Sūryabālās Roman „Agnipankhī" erschien zum ersten Mal 1984. Mir liegt die Neuauflage von 2001 vor. In diesem Roman stellt die Autorin die schreckliche Situation einer von Familienkonflikten hin und her gerissenen Mutter auf dem Lande und ihres jüngsten Sohnes dar, der in einem Slum in Mumbai ein unmenschliches, ruheloses Leben führt. Meenakshi Puri gibt in „Identität: Gelöscht" eine ungeschminkte Darstellung des Lebens indischer Immigranten in Deutschland und ihrer Aktivitäten, in der dem Leser die Zügellosigkeit der Crème de la Crème junger Männer aus dem angeblich so wunderbaren Indien vor Augen geführt wird. Nāsirā Śarmā, die schon früher einige wichtige Romane geschrieben hat, schildert in „Ṭhīkare kī mãgnī" (1989) den stillen Widerstand eines gebildeten Mädchens aus einer muslimischen Familie, das den Wünschen und Hoffnungen seines Verlobten, seiner Mutter und seiner Familie zum Trotz als einfache Lehrerin alleine in einem Dorf lebt. Auch nachdem ihr Widerstand erloschen ist und sie ihren Verlobten geheiratet hat, weigert sie sich, mit ihm zusammen zu leben. Die in New York lebende Schriftstellerin Susham Bedi stellt die Besessenheit der Menschen ihrer Umgebung, sich in Amerika niederzulassen, so überzeugend dar, daß man den Eindruck bekommt, noch so viele „Havan" (1989) oder „Feueropfer" würden als Buße dafür nicht ausreichen,. In Ritā Śuklas „Agniparva" (1990) wird das heutige Leben auf dem Lande in gemischten, teils freundlichen, teils düsteren Farben gezeichnet. Es wird deutlich, dass die Vorstellung eines friedlichen, gesunden Lebens in einer von Zugehörigkeitsgefühl und Gemeinschaftsgeist geprägten dörflichen Gesellschaft nur noch ein Tagtraum ist. Auch wie die Aktivitäten der Naxaliten die Unsicherheit noch weiter steigern, wird in dem Roman dargestellt.

Schon häufig habe ich darauf hingewiesen, dass in der Hindi-Literatur, die eine Literatur der Trends ist, oft jahrelang immer dieselben Themen verarbeitet werden. Auch der Dichter und Schriftsteller S. H. Vātsyāyan hat in einem seiner Artikel darauf hingewiesen. Die indische Persönlichkeit scheint so beschaffen zu sein, dass die Eigenheiten des eigenen Charakters und die Vielfalt der eigenen Erfahrungen nur sehr zögerlich vor anderen offen gelegt werden. Der Tradition entsprechend, möchte sie nicht einmal im Roman dem indischen künstlerischen Prinzip der Generalisierung entgegen treten. Das folgende Beispiel ist schon älter, aber symptomatisch für dieses Tendenz: Premcand hat 1906 selbst eine Witwe geheiratet und ist auf gesellschaftlicher Ebene für die Wiederheirat von Witwen eingetreten, doch in seinen zahlreichen Romanen kommt zwar ein Witwen-Ashram, aber keine einzige Witwenheirat vor.

Es ist etwas völlig Neues, dass sich der heutige Mensch gerne und ohne zu zögern zu seiner autonomen Existenz bekennt. Und das gilt auch für die gebildeten Frauen in Indien. Bisher war die indische Gesellschaft eine „Wir-Gesellschaft", aber jetzt wandelt sie sich nach und nach zu einer „Ich-Gesellschaft". In meiner Sprache Avadhī, in Braj und anderen Sprachen gibt es das Wort „ich" gar nicht. Man machte sich lustig über Leute, die über sich selbst als „ich" sprachen. Jetzt aber entsteht ein Mensch, der sich nicht schämt, seine „Ich"-Existenz zu feiern, im Gegenteil sogar darauf aus ist, diese auf jedem Gebiet zu etablieren. Auch in der modernen Kunst findet entgegen dem Prinzip der Generalisierung eine Individualisierung statt. Jetzt haben es die intellektuellen Frauen in Indien nicht mehr nötig, ihre Eigenständigkeit, ihre Autonomie, ihren „Platz" mit lautem Protestgeschrei einzufordern. Dies alles gehört ihnen bereits, auch wenn sie oft keinen Gebrauch davon machen oder machen wollen. Vielleicht hat es ein Teil von ihnen nur noch nicht gelernt.

Anscheinend besteht keine besondere Notwendigkeit mehr, über dieses Thema zu diskutieren. Auch aus diesem Grund bildet sich, wie im Westen, in der Hindi-Literatur eine immer größere Vielfalt heraus, und jeder Autor und jede Autorin kann nach Belieben Themen aus dem eigenen Erfahrungsbereich aufgreifen. Es gibt keine Einschränkungen mehr. Folglich gehören auch die „Trends" früherer Zeiten der Vergangenheit an. Die heutige Generation von Intellektuellen ist mehr und mehr davon überzeugt, dass jeder, der es nötig hat, von seiner Freiheit Gebrauch machen kann. Die Frauen scheinen da keine Ausnahme zu sein. Das ist ein Grund dafür, dass ich in diese Studie nur einen einzigen Roman aufgenommen habe, der sich ganz dem Frauenthema widmet. Mridulā Gargs „Kaṭhgulāb" (dritte Auflage 2000) tut dies in ausgezeichneter Weise. Wenn eine Figur durch ihre Aufrichtigkeit und ihr Durchhaltevermögen beeindruckt, so ist es die ungebildete Narmadā in diesem Roman. Mridulā Garg gehört zu jenen Autorinnen, die seit den Siebziger Jahren schreiben, und ist eine fähige und führende Vorkämpferin für die Sache der Frauen. Im Gegensatz zu ihr sind viele Schriftstellerinnen jener Zeit aus der Literaturszene verschwunden. Ich hatte in mein früheres Buch ihren umstrittenen Roman „Uske hisse kī dhūp" (1975) aufgenommen. Außerdem habe ich, gemeinsam meiner Frau Heidemarie Pandey, ihr „Cittakobarā" aus dem Jahre 1979 ins Deutsche übersetzt.

Entsprechend der Unterschiedlichkeit und Veränderung der Lebensverhältnisse, haben die in dem vorliegenden Buch besprochenen Romane unterschiedliche Inhalte und Themen. Alka Saraogis Werk „Kali-Kathā: Via Bypass" handelt nicht nur von einem alten Mann, in dem nach einer Bypass-Operation die Erinnerung an den Idealismus seiner Jugend wieder erwacht, sondern auch von der Geschichte der Mārvāṛī-Gemeinschaft in Kolkata und des modernen Indiens insgesamt.

Die im Ausland lebenden oder zur Auswanderung bereiten Inder sind das Motiv in den Romanen von Susham Bedi, Meenakshi Puri und Usha Priyamvada. Mrināl Pāṇ̣ḍ̣es Roman „Rāstõ par bhaṭakte hue" ist eine schmerzliche Geschichte über die Korruptheit der Politiker. Maitreyī Puṣpā hat ebenfalls einen Roman veröffentlicht, der sich mit Korruption beschäftigt, „Vijan", der allerdings nicht in dieses Buch aufgenommen wurde. Darin geht es um die korrupten Praktiken der Ärzte. Es ist ein schwaches Buch, während andere Romane von Maitreyījī herausragende Werke sind, die der Hindi-Literatur zur Ehre gereichen.

Einige der hier analysierten Romane sind von ihrem Inhalt bzw. ihrer Erzähltechnik her ungewöhnlich. CitrāMudgals „Āv" ist eine eindrucksvolle Darstellung des Kampfes um die Rechte der Frauen vor dem Hintergrund der Gewerkschaften in Mumbai. Wir erleben darin mit, wie die Arbeiter, die selbst unter Einsatz ihres Lebens um ihre Rechte kämpfen, die Frauen ihrer eigenen Klasse skruppellos sexuell ausbeuten und quälen. Für diesen Roman wurde Citrā Mudgal mit dem hoch angesehenen indischen Literaturpreis „Vyās Sammān“ ausgezeichnet.

Namitā Singhs Roman „Apnī salībẽ" aus dem Jahre 1995 setzt sich eingehend mit der Situation der Dalits[1] auseinander. Er ist der einzige Roman zu diesem Thema, den ich gefunden habe. Es ist jedoch möglich, dass noch weitere geschrieben worden sind, von denen ich keine Kenntnis erlangt habe. Möglicherweise haben sogar Dalit-Autorinnen selbst solche Romane geschrieben.

Candrakāntās „Kathā Satīsar" (2001) ist ein ungewöhnlicher und umfangreicher Roman über Kashmir, der wegen seiner Detailliertheit berühmt ist. Durch die Veröffentlicherung kleinerer, qualitativ noch besserer Romane hat sich die Autorin schon vorher einen bedeutenden Platz in der Hindi-Literatur gesichert. Für „Kathā Satīsar“ erhielt sie den „Vyās Sammān“ 2005.

Es war vor allem Maitreyī Puṣpās vieldiskutiertes Buch „Idannamam", das bei mir den Eindruck hinterließ, dass die heutige Generation von Hindi-Autorinnen Werke von viel besserer literarischer Qualität hervorgebracht hat als die vorige. Dieser Roman überzeugte mich, dass das Studium dieser Literatur nicht nur für mich, sondern auch für andere wichtig sein könnte. Ich habe alle ihre bisherigen Romane gelesen, auch ihre in Romanform verfasste Autobiographie. Im Zusammenhang mit ihrem „Cāk" (1997) habe ich zu Maitreyījī gesagt: „Dieser Roman steckt voller erschreckendem Realismus in der Darstellung der verschiedenen Seiten dörflichen Lebens. In dieser Darstellung ist allerdings zwar ein scharfer Blick, aber keine klare Perspektive zu erkennen." Maitreyījī ist eine sehr ruhige, gelassene Frau. Sie hörte sich schweigend an, was ich zu sagen hatte. Ihr kurzer Roman „Jhūla naṭ" (1999) hat mich sehr beeindruckt. Großen Ehrgeiz und sehr viel Fleiß hat sie in ihr Werk „Almā Kabūtarī" (2000) gesteckt. Sie hat viele Informationen gesammelt und eine Menge Material über den Kabūtarī-Stamm zusammen getragen. Auch über sie selbst erfährt man in diesem Werk viel. Als Roman jedoch kann dieses Buch wegen mangelhafter Abstimmung von Handlung und Thema nicht überzeugen. An vielen Stellen und in Bezug auf verschiedene Figuren zeigen sich Ungereimtheiten. Man hätte daraus drei Romane machen können, sogar drei gute, die auch dem Wohl des Kabūtarī-Stammes gedient hätten.

Gītānjali Śrīs Romane sind wirkliche „Neuheiten", weil darin eine neue und faszinierende Erzähltechnik verwendet wird. In "Māī" (1993) und „Hamārā śahar - us baras" benutzt diese fähige Autorin das Mittel der „strukturellen Ironie". Bei dieser Methode bedient sich der Schriftsteller bzw. die Schriftstellerin nicht nur der Ironie im wörtlichen Ausdruck, sondern die Umstände selbst, unter denen sich die Geschichte abspielt und in die die handelnden Personen geraten, sind von Ironie gezeichnet. “In such works the author, instead of using an occasional verbal irony, introduces a structural feature, which serves to sustain the duplicity of meaning."[2]

In „Māī" geht es um eine Mutter und ihre Kinder, die aus Liebe zur Mutter ständig versuchen, diese von der täglichen Last der Hausarbeit zu befreien. Sie können nicht verstehen, wie man mit einem solchen Hausfrauen-Leben zufrieden sein kann. Und im zweiten großen Roman offenbart sich in Daddū und dem Mord an ihm die ganze Ironie der Vergeblichkeit „akademischer" Bemühungen. Die Intellektuellen zitieren zwar das Argument vom „Sündenbock", glauben aber in Wirklichkeit nicht daran. In Wirklichkeit sind solche Zusammenstöße ein Ausdruck des nie enden wollenden Konflikts zwischen „uns" und den „Anderen", die es immer gegeben hat (wie Daddū selber sagt) und immer geben wird. Als Vorwand dafür kann die Religion oder die Sprache dienen - um zu kämpfen, genügt irgndein wichtiger oder unwichtiger Grund. Dass der Hobbes´sche Mensch sich jemals zu dauerhafter Friedlichkeit und Gewaltlosigkeit bekehren könnte, ist eine Illusion einiger Idealisten. Allerdings ist es eine notwendige Illusion und ein wünschenswerter Traum.

Zum Abschluss dieser Einführung möchte ich noch eine wichtige Feststellung treffen: Ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin schreibt weder als Mann, noch als Frau, sondern als Erzähler/in der Geschichte des Lebens, der oder die aus einer bestimmten Perspektive, von einem bestimmten Standpunkt aus durch den Inhalt der Erzählung etwas zum Ausdruck zu bringen versucht. Dieser Versuch kann zu einem schönen und eindrucksvollen Ergebnis führen, oder mitunter auch zu einem nichtssagenden und langweiligen. Zur Literatur gehören drei Elemente: Selbstausdruck, Kommunikation und künstlerische Gestaltung. Sich damit zu beschäftigen, ist die Aufgabe des Literaturwissenschaftlers. Auch ich habe mich in dieser Studie bemüht, mit meinem bescheidenen Wissen dieser Aufgabe gerecht zu werden

Mit freundlicher Genehmigung des Ostwind-Verlages, Gernsheim


[1] Wörtl.: die Unterdrückten. Von den Vertretern der Niedrigkastigen und Kastenlosen geprägte Selbstbezeichnung dieser gesellschaftlichen Gruppierungen.

[2]: Abrams, M. H. A., Glossary of Literary Terms, Holt, Rinehart and Winston Inc., New York 1957, S. 8.: "In solchen Werken führt der Autor, statt gelegentlicher verbaler Ironie, ein strukturelles Element ein, das die Doppeldeutigkeit zum Ausdruck bringt."