Der falsche Mond

Einen ganzen Tag lang weder essen noch trinken: So lautet die Fastenregel für "Karva Chauth", das am vierten Tag des abnehmenden Mondes im Monat Kartik gefeiert wird. Erst wenn der Mond aufgegangen und durch die Darbringung von Wasser verehrt worden ist, dürfen die fastenden Frauen etwas zu sich nehmen. Das lange Leben des Ehemannes und das Wohlergehen der Kinder sollen durch dieses Fasten gewährleistet werden, dessen Einhaltung durch verheiratete Frauen allgemein üblich ist. 

Das Alpana für Karva Chauth wird schon einige Tage vor dem Fest gezeichnet, entweder an der Wand oder - wenn diese geschont werden soll - auf einem Bogen Papier. Es zeigt den "Karva", eine Art Krug, der dem Fest den Namen gab. Er wird den Frauen von ihren Brüdern überbracht. Außer dem Karva sind auf dem Alpana die Götter Ganesh, Hanuman, Shiva und Parvati sowie Kartekeya abgebildet. Als Farben werden kräftige Rot, Grün, Blau und Gelb verwendet. 

Vor diesem Alpana wird zum Abschluß des Fastens Puja gefeiert. Dazu werden in einem Karva süße Gebäcke und in einem zweiten Wasser aufbewahrt, das zum Abschluß dem Mond dargebracht wird. Bei dem zwölf Tage später stattfindenden Diwali-Fest werden die Kinder frühmorgens mit Wasser gebadet, dem jenes Karva-Wasser beigemengt ist. Außerdem werden über ihren Köpfen mit einem aus Mehlteig geformten Lämpchen kreisende Bewegungen ausgeführt, die jedes Unheil von ihnen abwenden sollen.

Die folgende Geschichte, die zu Karva Chauth erzählt wird, ist in ganz ähnlicher Form im Vamanpurana enthalten. Dort dient sie Krishna dazu, Draupadi, der Frau der Pandava-Brüder aus dem Epos Mahabharata, die Wirksamkeit des Karva-Chauth-Fastens zu verdeutlichen.

Es waren einmal sieben Brüder, die hatten eine wunderschöne und tugendhafte jüngere Schwester, die sie über alles liebten. Es war Karva Chauth. Die Ehefrauen der sieben Brüder hielten das Fasten ein, und die Schwester tat es ihnen gleich. Als es Abend wurde, bemerkten die sieben Brüder, dass das Gesicht ihrer Schwester immer bleicher wurde und ihre Lippen ganz trocken waren.

Um das Fasten ihrer Schwester abzukürzen, verkündeten die Brüder laut: "Der Mond ist aufgegangen! Ihr könnt jetzt eure Puja halten und Wasser trinken!" Doch die sieben Ehefrauen blieben standhaft und erklärten: "Solange wir den Mond nicht selbst gesehen haben, können wir nichts trinken. Wenn ihr wollt, könnt ihr ja eurer Schwester Wasser geben!"

Daraufhin berieten sich die Brüder miteinander und schmiedeten gemeinsam einen Plan. Einer von ihnen kletterte mit einem brennenden Lämpchen und einem Sieb auf den Neem-Baum vor dem Haus. Er hielt das Lämpchen hinter das Sieb, so dass ein runder Lichtschatten auf die Neem-Blätter und von dort auf die Erde fiel. Die anderen Brüder riefen: "Seht nur! Der Mond steht hinter dem Neem-Baum. Er ist aufgegangen! Ihr könnt Wasser trinken!"

Ihre Frauen waren nicht überzeugt, aber ihre Schwester glaubte ihnen. Sie hielt schnell ihre Puja und trank danach einen Schluck Wasser. Weil sie aber nicht den wirklichen Mond gesehen hatte, starb im selben Moment ihr Ehemann.

Im Hause hub ein großes Weinen und Klagen an. Als die anderen Familienmitglieder erfuhren, dass die Brüder den Mondaufgang nur vorgetäuscht hatten, rieten sie der Schwester, den Leichnam ihres Mannes nicht verbrennen zu lassen, sondern aufzubewahren. Im nächsten Jahr, wenn wieder Karva Chauth sei, solle sie das Fasten den Regeln gemäß strikt einhalten. Dann werde ihr Mann wieder lebendig werden. Ihre Brüder empfanden tiefe Reue über ihre Unbedachtheit, aber nun war es - so schien es jedenfalls - zu spät.

Ein Jahr verging, und es war wieder Karva Chauth. Dieses Mal hielt sich die Schwester streng an die Fastenregeln und wartete, bis der Mond hoch am Himmel stand, ehe sie ihre Puja hielt und Wasser trank. Durch die Wirkung des Fastens erhielt sie ihren Mann zurück und lebte fortan mit ihm in Glück und Freuden.

Mit freundlicher Genehmigung des Harrassowitz-Verlages Wiesbaden