Liebe geht durch den Magen

Dieses Sprichwort wurde zwar in Deutschland geprägt, aber in Indien entfaltet es seine volle Bedeutung: Das Essen hat in den meisten Familien einen Stellenwert, der deutsche Besucherinnen und Besucher in Erstaunen versetzen kann. Was gegessen wird, wann gegessen wird, mit wem gegessen wird, ist Regeln unterworfen, die traditionell den Status einer Person in der Familie anzeigten und die eigene Familie und Gruppe (Kaste) gegen andere abgrenzten. Zum Teil ist dies auch noch heute der Fall.

Vor allem aber ist die Versorgung mit Essen ein Zeichen der Zuwendung. Über Zuneigung, Liebe und Dankbarkeit macht man meist nicht viele Worte, aber sie drücken sich aus - z.B. in der Sorgfalt und Phantasie, mit denen gekocht, in der Aufmerksamkeit, mit der serviert, und in dem Genuss, mit dem gegessen wird.
Kein Wunder, dass indische Hausfrauen - sofern sie nicht berufstätig sind - oft den größten Teil des Tages in der Küche verbringen. Schließlich gibt es vom Frühstück bis zum Abendessen traditionell nur warme Mahlzeiten! Mittelschicht-Frauen, die einem Beruf nachgehen, haben oft eine Haushaltshilfe und versuchen, es mit deren Unterstützung so einzurichten, dass es der Familie im Hinblick auf das Essen an nichts fehlt. Eine gute Hausfrau zu sein, heißt in erster Linie und vor allem, eine gute Köchin zu sein. Andere Aufgaben wie das Sauberhalten der Wohnung und das Wäschewaschen treten demgegenüber weit in den Hintergrund, zumal sie häufig von Hilfskräften verrichtet werden.

Wenn Gäste da sind, wird natürlich - wie wohl überall auf der Welt - besonders köstlich und reichlich aufgetischt. "Aufgetischt" ist allerdings nicht immer das richtige Wort, dann meist wurde und wird in Indien auf dem Boden gegessen. Aber in die Mittelschicht-Haushalte in den Städten und zum Teil auch auf dem Lande hat der Esstisch mittlerweile Einzug gehalten. Trotz dieser Erleichterung ist manches an den Verhaltensregeln bei Tisch für Europäerinnen und Europäer gewöhnungsbedürftig.

Die Hausfrau sitzt meist nicht mit am Tisch, sondern ist während des Essens damit beschäftigt, die anderen Familienmitglieder und die Gäste zu bedienen. In jenen Gegenden, in denen Fladenbrot zum Speisezettel gehört, sorgt sie für den Nachschub an frischen, heißen Chapatis oder Rotis, die im Idealfall zur gleichen Zeit von einem anderen weiblichen Familienmitglied oder einer Hilfskraft in der Küche gebacken werden. Sie achtet darauf, dass leer gegessene Ess-Schälchen sofort wieder aufgefüllt werden, und bittet beständig, diesem oder jenem Gericht doch noch zuzusprechen. Das Essen einfach nur auf den Tisch zu stellen, "Guten Appetit" zu wünschen, und das Zulangen jedem selbst zu überlassen, wird in Indien als lieblos empfunden.

Besonders Gäste, auch zu Besuch weilende Familienangehörige, haben Anspruch auf höchste Aufmerksamkeit. Je besser es ihnen schmeckt, je mehr sie essen, umso eher kann die Köchin bzw. die Hausfrau mit sich zufrieden sein. Da das "Fassungsvermögen" des Menschen naturgemäß begrenzt ist, geraten Besucherinnen und Besucher dadurch mitunter in einige Bedrängnis. Mögen sie noch so sehr protestieren und beteuern, dass sie - leider, leider – keinen Bissen mehr herunterbekommen: die gestandene Hausfrau lässt nicht locker. Zu groß ist der Wunsch, Zuneigung zu zeigen und Anerkennung zu ernten.

Es bleibt dann noch die Möglichkeit, beide Hände flach über den Teller bzw. das Thali (Ess-Tablett mit Schälchen) zu halten. Zuvor sollte allerdings der Bitte, doch noch etwas von diesem oder jenem zu nehmen, möglichst oft Genüge getan worden sein. In jedem Falle ist die Menge, die Vielfalt und der Geschmack des Essens begeistert zu loben. Letzteres dürfte in der Regel nicht schwer fallen, weil die indische Küche viele Köstlichkeiten bereithält und die Kochkunst aus den schon erwähnten Gründen hoch entwickelt ist.

Vielleicht gibt es auch noch andere Wege, Essen wirksam zu verweigern. Auf jeden Fall sollten sie den Gefühlen der Hausfrau Rechnung tragen. Ganz falsch wäre es, sich zu ärgern, weil die wiederholte Erklärung, man sei nun satt und könne nichts mehr essen, scheinbar auf taube Ohren stößt. Liebe geht nun einmal durch den Magen! Also muss der es aushalten, wenn ein Übermaß an Liebe gelegentlich zu Bauchgrimmen führt!


Mit freundlicher Genehmigung des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V.