Aus der Geschichte lernen


Alte und neue Fragestellungen


Kann man aus der Geschichte lernen, insbesondere für das interkulturelle Zusammenleben?

Natürlich weiß jede(r), dass historische Erfahrungen nicht einfach auf heutige Situationen übertragen werden können. Und doch: Schwingt nicht beim pädagogischen Umgang mit Geschichte immer auch die Hoffnung mit, die nachfolgende Generation möge aus den erworbenen Kenntnissen die richtigen Schlüsse ziehen, auch für ihre Zeit und ihr Leben?

In Deutschland konzentrierte sich die Diskussion darüber in der Vergangenheit auf das Thema Holocaust. Seit Kriegsende wurde auf die verschiedenste Weise versucht, in den Schulen mit der Tatsache der planvollen Vernichtung der Juden im Dritten Reich umzugehen. Neben dem Vermeiden des Themas („So weit sind wir in der Schule nicht gekommen“) gab und gibt es aufrichtige, angestrengte und oft schmerzliche Bemühungen, die Vergangenheit mit den Schülerinnen und Schülern durch umfassende Information und Aufklärung aufzuarbeiten.

Nicht immer zeigen solche Bemühungen die erhoffte Wirkung. Die Reaktion auf Seiten der Jugendlichen ist häufig Verweigerung und Widerstand. Manche halten hartnäckig an tradierten Versionen oder eigenen Phantasien über die Ereignisse der Nazi-Zeit fest, obwohl sich das Gegenteil historisch belegen lässt. Ist das Geschehene zu entsetzlich, als dass man es an sich heranlassen dürfte? Und was steckt hinter dem Versuch, die junge Generation aus der Geschichte – dieser Geschichte – lernen zu lassen? Ist es vielleicht der Wunsch, dem Sinnlosen im Nachhinein doch noch einen Sinn zu geben und ihm dadurch etwas von seinem Schrecken zu nehmen?26

Ein neuer Ansatz für das Lernen über den Holocaust versucht, die Abwehr bei Lernenden und Lehrenden und ihre Ergebnisse ernst zu nehmen und in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen. Das Ziel ist, durch Zulassen und Hinterfragen der „Geschichtsgeschichten“ die Aufhebung der Abwehr zu erreichen. Dieser Ansatz ist in der Konzeption des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts enthalten, das Lehrerinnen und Lehrer auch bei der Umsetzung berät und unterstützt.27 Dazu kann z.B. die Beschäftigung mit Zeitzeugnissen, mit Erzählungen von Eltern und Großeltern, mit Literatur, bildender Kunst und Medien gehören. Dies erfordert oftmals Zusammenarbeit auch mit anderen Kooperationspartnern.

In den vergangenen Jahrzehnten sind durch die Zuwanderung aus allen Teilen der Welt und die Entwicklung einer multikulturellen Gesellschaft neue Aspekte und Fragestellungen hinzugekommen. Was bedeutet es z.B. für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, wenn in einer Schulklasse mehrheitlich Schülerinnen und Schüler ausländischer Herkunft sitzen?

Auch für die Beschäftigung mit anderen historischen Ereignissen ergeben sich daraus Konsequenzen. Wenn es um interkulturelles Lernen im Zusammenhang mit Geschichte geht, ist zu fragen: Von welcher Geschichte und wessen Geschichte ist überhaupt die Rede?

Diese Frage betrifft nicht ausschließlich, aber in besonderem Maße den Geschichtsunterricht.


Die andere Perspektive


Wie viele deutsche Geschichtslehrer haben jemals die Geschichte Lateinamerikas aus der Perspektive der kreolischen Einwohner der Staaten der Karibik dargestellt oder die Geschichte der Kreuzzüge in arabischen Quellen gelesen, geschweige denn solche Perspektiven in ihrem Unterricht berücksichtigt?

Vorwort der Herausgeber, in: Berlin Interkulturell. Ergebnisse einer Berliner Konferenz zu Migration und Pädagogik, Hrsg. Hans Barkowski/Gerd R. Hoff, Colloquium Verlag, Berlin 1991

Zweifellos versuchen heute viele Lehrerinnen und Lehrer, den Kindern ein Geschichtsbild zu vermitteln, in dem nicht nur die Deutschen und die Europäer als handelnde Subjekte vorkommen. Aber es ist nicht leicht, sich von den Vorstellungen zu lösen, die einem selbst vermittelt worden sind, zumal wenn Lehrplan und Schulbücher dies nicht ausreichend unterstützen.28

Geschichte an deutschen Schulen ist immer noch in erster Linie deutsche oder europäische Geschichte, und auch dies fast ausschließlich aus der Sicht der Bevölkerungsmehrheit. Der Beitrag der Minderheiten, z.B. der Juden, wird in den Geschichtsbüchern noch immer wenig berücksichtigt.29 Auch der außerhalb Deutschlands liegende „Rest“ der Welt taucht selten als eine die jeweilige Zeit gestaltende Kraft auf.

Bei den deutschen Schülerinnen und Schülern kann dies Überlegenheitsgefühle auslösen, den Migrantenkindern wird - natürlich ohne dass dies ausgesprochen wird - vermittelt, dass ihre Herkunft von minderem Wert ist. Wenn sie dazu im muttersprachlichen Unterricht mit einem u.U. noch stärker national geprägten Geschichtsbild aus der Perspektive des Herkunftslandes konfrontiert werden, ist die Verwirrung komplett. Mit der Aufgabe, beide Geschichtsbilder zu verbinden, werden die Kinder in der Regel alleingelassen.30

Das alles sind keine guten Voraussetzungen für interkulturelles Lernen. Aus dieser Erfahrung resultiert die Forderung nach einem Wechsel der Perspektive. Die "anderen" sollen selbst zu Wort kommen, mit ihrer Sicht der Dinge, mit ihren Quellen, ihrer eigenen Geschichte. "Multiperspektivische Allgemeinbildung" lautet das Stichwort.

Verschiedene Standpunkte einzunehmen, bedeutet natürlich, dass auch Widersprüche und gegensätzliche Interessen sichtbar werden. Deshalb hat diese Art der Herangehensweise nichts Harmonisierendes. Feindschaften und Hass werden nicht ausgeklammert. Sie werden vielmehr nachvollziehbar, weil an die Stelle der einen unumstößlichen historischen Wahrheit die vielen Wahrheiten der geschichtlichen Akteure treten.31

 

Die Vergangenheit lebendig werden lassen

Aus der Geschichte lernen, ist mehr als das Lernen von Geschichte. Nicht nur der Kopf ist daran beteiligt. Sich über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg in andere Menschen hineinversetzen zu können, ist die Voraussetzung dafür, dass Vergangenheit lebendig und auch für die Gegenwart relevant wird.

Dieses Lernen erfordert die Beteiligung der Sinne, der Gefühle und der Phantasie. Um sie anzusprechen, ist häufig ein Ortswechsel hilfreich - aus der Schule heraus, hin zu den Schauplätzen der Ereignisse, zu Orten, in denen Zeugnisse der Vergangenheit sichtbar und erfahrbar werden.

Solche Orte sind z.B. die Frankfurter Museen. Sie sind heute nicht mehr nur Ausstellungsstätten, die man besichtigen geht. Die Museumspädagogen haben sich viel einfallen lassen, um Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, im Museum eigene Entdeckungen zu machen. Im Spiel, in Aktionen, in Verbindung mit Geschichtenerzählen, Theater und Musik, durch eigenes Gestalten, z.B. Zeichnen und Modellieren, können sie sich mit dem Gesehenen auseinanderzusetzen und den Bezug zu ihren eigenen Erfahrungen herstellen.

Diese Begegnung mit der Vergangenheit ist zugleich ein Stück interkulturelles Lernen: Frankfurter Leben vor 500 Jahren wäre Frankfurter Kindern von heute vermutlich fremder als das heutige Leben in New York oder Moskau. „Fremdes“ lässt sich so im „Eigenen“ entdecken, aber dann auch wieder mit Vertrautem verknüpfen.

Interkulturelle Aspekte können bei Museumsbesuchen und –projekten durch die Themenstellung und das Setzen von Schwerpunkten direkt angesprochen werden. Mitunter fließen sie aber auch ganz von selber ein. Das ist z.B. der Fall, wenn Migrantenkinder Kult- und Gebrauchsgegenstände, wie sie in ihrer Herkunftskultur benutzt werden, spontan wieder-erkennen. Solche Äußerungen werden leicht überhört. Sie sind aber oft unwiederbringliche Gelegenheiten, bei denen Migrantenkinder ihre Kompetenz einbringen können. Außerdem liegt darin auch ein Anreiz zum Erzählen und Austauschen von Erfahrungen, wodurch die Kinder den kulturellen Hintergrund ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler besser kennen lernen und Unterschiede wie Gemeinsamkeiten entdecken können.

Mit freundlicher Erlaubnis der Herausgeber: Amt für multikulturelle Angelegenheiten / Dezernat für Schule und Bildung der Stadt Frankfurt am Main


26 Knigge, Volkhard. Aneignen – Abwehren. Einführung in die Tagung „Perspektiven auf den Holocaust: Der industrielle Massenmord als Gegenstand der schulischen und außerschulischen Bildung“, 4. – 6. März 1992 in Wiesbaden-Naurod, Materialien Nr. 1 der Arbeitsstelle zur Vorbereitung des Frankfurter Lern- und Dokumentationszentrums des Holocaust, Dezernat für Kultur und Freizeit der Stadt Frankfurt am Main.

27 Fritz-Bauer-Institut: Konzeption, Materialien Nr. 5 der Arbeitsstelle zur Vorbereitung des Frankfurter Lern- und Dokumentationszentrums des Holocaust, Dezernat für Kultur und Freizeit der Stadt Frankfurt am Main.

28 Auernheimer 1990, S.185-189

29 Gespräch mit Werner Röhrig vom Hessischen Institut für Lehrerfortbildung, Fachbereich Interkulturelle Erziehung, Weilburg, am 13.6.1995.

30 Auernheimer 1990, S. 187

31 Ebd., S.191, siehe dazu auch: Gundara, Jagdish S., Western Europe: Multicultural or Xenophobic?, in: Berlin interkulturell. Ergebnisse einer Berliner Konferenz zu Migration und Pädagogik, Hrsg. Hans Barkowski und Gerd R. Hoff, Colloquium Verlag, Berlin 1991, S. 3-22