6.5. Komm, lass uns aus der Rolle fallen!

„Keiner von uns versucht, seine Mentalität und seine Kultur unbedingt durchzusetzen. Das ist ein Kompromiss, mit dem man zusammenleben kann. Wenn ich z.B. wollte, dass unser Sohn alle Sitten und Verhaltensweisen annimmt, die ich als Kind erlernt habe, dann würde ich bestimmt Probleme mit seiner Mutter bekommen. Und wenn sie so typisch deutsch sein wollte wie manche Frauen, die ich bei Seminaren erlebt habe, dann wäre das für mich auch wie ein Hammerschlag auf den Kopf.

Ich glaube, wenn jeder versucht, seine Mentalität, seine Kultur unverändert beizubehalten, dann kann keine Familie zusammenbleiben. Das ist eine unmögliche Sache, dass man hier orientalische und deutsche Kultur in gleichem Maße praktiziert. Ich habe das noch nie gesehen."

Anders ausgedrückt: Wenn in einer bi-kulturellen Partnerschaft beide Seiten ihre einmal erlernten Rollen unverändert weiterspielen wollen, dann kann daraus allenfalls ein kurzes Drama werden, aber niemals ein dauerhaftes Zusammenspiel, das auch für die Kinder einen Sinn ergibt. Es klingt paradox, ist aber gar nicht anders denkbar: Um das Spiel zu Ende spielen zu können, muss mindestens einer von beiden aus der Rolle fallen!

Wie kann dieses „Aus-der-Rolle-Fallen" aussehen?

Nehmen wir die zum Islam konvertierten deutschen Frauen in der Untersuchung von Gabi Boos: Sie haben sozusagen ihren „christlich-abendländisch-deutschen" Regisseuren gekündigt und spielen nun ihre weibliche Rolle nach den Regieanweisungen jener Kultur, aus denen ihr männlicher Partner kommt. Folglich gibt es über kulturelle „Intra-Rollenkonflikte" nichts mehr zu berichten: Allenfalls entsteht noch Streit darüber, wer seine Rolle besser spielt, z.B. wenn die Frau bei Besuchen im Heimatland des Mannes feststellt, dass ihre weiblichen Verwandten weniger „islamisch" leben als sie selbst.

Aber ist diese Lösung nicht schrecklich einseitig und undemokratisch? Ist sie nicht „typisch weiblich" nach dem Rollenverständnis aller patriarchalischen Kulturen, weil sich die Frau dem Mann anpasst?

Wenn man eine solche Partnerschaft an den westlichen Idealvorstellungen von Gleichberechtigung und Demokratie in der Familie misst, ist das sicherlich richtig. Diese Lösung wird deshalb auch nur für einen Teil der bi-kulturellen Paare überhaupt in Frage kommen. Man sollte aber akzeptieren, dass für einige diese einseitige Anpassung durchaus ein gangbarer Weg sein kann.

Nehmen wir z.B. die Frau, die die Übernahme des islamischen Regelsystems als „Befreiung" empfand, weil sie jetzt „keine Fehler mehr" macht. Für sie war es aufgrund ihrer psychischen Struktur vielleicht die Rettung, dass sie ihren muslimischen Partner traf und aus ihrer kulturellen Rolle, die ihr nicht genug Orientierung bot, herausfallen konnte. Sie hat durch ihre einseitige Anpassung also nicht nur verloren, son­dern auch für sich persönlich etwas gewonnen.

Stellen wir uns nun den muslimischen Partner in dieser Beziehung vor. Aus seiner Sicht ist die Anpassung seiner Frau vielleicht gar nicht so „einseitig". Muss er sich nicht allein dadurch, dass er hier lebt, auf Schritt und Tritt anpassen? Am Arbeitsplatz, im Sportverein, auf der Straße, in den Geschäften, bei der deutschen Verwandtschaft - überall wird nach deutschen Regieanweisungen gespielt. Bei allen diesen Gelegenheiten fällt der muslimische Mann aus seiner erlernten Rolle. Vielleicht ist er von seiner Persönlichkeit her ein Mensch, dem das sehr schwer fällt; Verunsicherung und Entfremdung machen ihm zu schaffen. Die einseitige Anpassung seiner Frau kann das nicht aufheben, sie steuert dem aber ein Stück entgegen.

Das Leben in der Bundesrepublik Deutschland bringt es mit sich, dass dem ausländischen Partner bzw. der ausländischen Partnerin in der Regel die größeren Anpassungsleistungen abverlangt werden. Das ist sehr häufig auch in der Familie der Fall. „Wir leben hier schließlich in Deutschland!" - mit diesen Worten hielt eine Frau aus der Untersuchung von Boos ihren Mann zur Einhaltung der deutschen Spielregeln an. Die Erfahrung zeigt, dass sie kein Einzelfall ist.

Auch diese einseitige Anpassung ist „undemokratisch". Trotzdem kann es für den ausländischen Partner bzw. die ausländische Partnerin durchaus auch angenehm sein, aus ihrer erlernten Rolle zu fallen. Mitunter sind sie froh, bestimmten Zwängen in ihrem Heimatland entronnen zu sein. Viele ausländische Väter erinnern sich z.B. im Gespräch daran, wie fern ihnen als Kind der eigene Vater gewesen ist. Sie finden es nicht erstrebenswert, ihre Vaterrolle genauso zu spielen, sondern genießen es, engen Kontakt zu ihren Kindern zu haben. Auch „unmännliche" Aufgaben wie Baden, Wickeln oder Pudern werden oft gern übernommen. Der partnerschaftliche Umgang innerhalb der Familie - sowohl zwischen den Eltern als auch zwischen Eltern und Kindern - ist ebenfalls ein Modell, das für viele ausländische Mütter und Väter attraktiver ist als der bedingungslose Gehorsam, der in manchen Kulturen besonders von älteren Kindern erwartet wird. Überhaupt zeigen sie manchmal eine Begeisterung für das „moderne" Leben, die der deutsche Teil nur schwer nachvollziehen kann.

In den meisten Fällen ist es wohl so, dass keiner der beiden Partner ein für allemal aus seiner Rolle fällt, sondern dies abwechselnd geschieht: Mal ist der eine an der Reihe, mal der andere. Ist der Anpassungsdruck auf den ausländischen Teil in Deutschland größer, so wendet sich das Blatt, wenn man in dessen Heimatland reist. Man wechselt gewissermaßen die Bühne, und nun wird nach den Regieanweisungen der anderenKultur gespielt. Das gilt übrigens auch für die Kinder. Eine mit einem Griechen verheiratete Deutsche erzählt, wie sich das Rollenverhalten ihres Sohnes während eines Griechenland-Aufenthaltes veränderte:

„Bis dahin hat er auch mit Mädchen gespielt, dann wollte er das auf einmal nicht mehr. Und seine Lieblingsklamotten, die so typische Mädchenfarben hatten, die wollte er nicht mehr anziehen. Er hat mich auf der Straße nicht mehr mit einem Kuss begrüßt, weil es ein paar Mal vorgekommen ist, dass die Jungens dann „ho, ho, ho" gemacht und gelästert haben... Er hat es dann in Frankfurt wieder abgelegt, nachdem er wirklich eine Krisenzeit hatte. Die Mädchen sind dort in Griechenland mädchenhafter und die Jungen jungenhafter, und das wird dort auch forciert. Da hat er so den Macho herausgekehrt ..."

Im Alltag in Deutschland gibt es viele Möglichkeiten, die Ausgestaltung der eigenen Rolle nach Lebensbereichen oder Situationen zu variieren. Kommen ausländische Freunde zu Besuch, vor denen das „Gesicht" gewahrt werden muss, so schlüpft der Mann in die angestammte Rolle und überlässt seiner Frau die Hausarbeit. Sie wird dies umso eher akzeptieren, je mehr er im Haushalt tut, wenn niemand zuschaut. Viele ausländische Männer kochen gern und gut - auch das ist meist ein „Aus-der-Rolle-fallen". Aber natürlich kochen sie kein deutsches Essen, sondern Gerichte aus ihrer Heimat, und damit variieren sie ihre „deutsche" Rolle.

Mitunter lässt sich ein bestimmtes Rollenverhalten nach den Regieanweisungen der einen Kultur sehr gut mit dem Rollenverständnis einer anderen Kultur vereinbaren.

Da ist zum Beispiel die Familie Rahman. Herr Rahman ist Muslim indischer Herkunft. Auf seinen Wunsch hin wird auch sein Sohn Sayed als Muslim erzogen. Herr Rahman hat es - ganz dem islamischen Verständnis von der Vaterrolle entsprechend - übernommen, Sayed in die religiösen Praktiken einzuweisen. Für seine deutsche Frau war es anfangs nicht so einfach zu akzeptieren, dass ihr Sohn Muslim werden sollte. Aber als sie sah, wie intensiv der Vater sich um das Kind kümmerte, wie viel Zeit und Mühe er für seine religiöse Erziehung aufwandte, war sie begeistert und einfach „glücklich". Herrn Rahmans Verhalten entsprach genau ihren (westlichen) Vorstellungen von einem liebevollen, auf das Kind eingehenden Vater.

Sehr häufig bietet sich der „goldene Mittelweg" an - also weder Schleier oder Kopftuch noch Super-Dekollete oder Nacktbaden. Kinder müssen nicht „parieren", aber es schadet nichts, wenn sie lernen, auch in Auseinandersetzungen mit den Eltern einen höflichen Ton zu wahren. Nadja, 15 Jahre jung, würde durch permanentes Ausgehverbot wahrscheinlich erst recht auf dumme Gedanken kommen. Aber man kann — wie das auch in anderen Familien geschieht - feste Zeiten und Bedingungen vereinbaren, wobei die Wünsche des ausländischen Elternteils genauso beachtet werden sollten wie die der anderen Beteiligten.

Das bi-kulturelle Spiel mit Familienrollen bringt es mit sich, dass immer wieder einmal Mann oder Frau, Vater, Mutter oder Kinder das Gefühl haben werden, zuviel preiszugeben, zu oft nach fremden Regieanweisungen spielen zu müssen. Dann ist es an der Zeit, die Spielregeln zu überprüfen und nach Möglichkeit zu ändern. Nur: „Wer zu rechnen liebt, der wird nie auf seine Rechnung kommen..." - das gilt gerade in einer Partnerschaft und in einer Familie. „Das erste Kind Christ - das zweite Kind Hindu" - Gerechtigkeit und Ausgewogenheit nach diesem Muster werden sich nie herstellen lassen.

Aber das ist für ein gutes Zusammenleben ja auch nicht entscheidend. Wichtiger ist, dem Partner oder der Partnerin, den Kindern und als Kind den Eltern zu signalisieren, dass man bereit ist, sich auf das Spiel einzulassen. Gemeinsam kann man dabei mitunter zu sehr kreativen Lösungen kommen. Wie wäre es z.B., einmal nichts von dem zu tun, was die „Regisseure" in beiden Kulturen von einem erwarten, sondern sich etwas ganz anderes auszudenken? Vielleicht: Vater geht mit Tochter in die Disco. Oder: Mutter reist allein in Urlaub -aber nicht irgendwohin, sondern ins Heimatland des Vaters, um dort einen Sprachkurs zu machen?

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wir alle spielen Theater, aber wir sind keine Marionetten, sondern haben viele Möglichkeiten, unsere Rollen selbst zu gestalten. Das ist zwar anstrengend, aber wegweisend für die Kinder aus bikulturellen Familien. Wir zeigen ihnen damit: Die Macht der „Regisseure" ist begrenzt, und ein „Aus-der-Rolle-Fallen" ist keine Schande, sondern oftmals geradezu die Voraussetzung dafür, dass ein Stück ein „Happy end" findet.

Mit freundlicher Genehmigung des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften - iaf e.V.